RPE 6 bis 7 in der Praxis: woran du merkst, ob du richtig liegst


Gastbeitrag* von Joshua Cornelius: Joshua ist Mitgründer von huuman, einer personalisierten Coaching-App, die Menschen hilft, gesund, stark und leistungsfähig zu bleiben. Zuvor war er Mitgründer von Freeletics, einer der größten Fitness-Apps Europas (joshua@huuman.life).


*bezahlter Gastbeitrag


Der Plan sagt: drei Sätze Goblet Squat, RPE 6 bis 7. Du stehst mit der Kettlebell da, und die Frage ist nicht, was die Zahl bedeutet. Die Frage ist, wie sie sich anfühlt, wenn niemand zuschaut.

Was RPE ist, hat Oliver in seinem Beitrag Trainingssteuerung: Puls und Anstrengungsempfinden richtig nutzen erklärt: eine Skala für das eigene Anstrengungsempfinden, im Krafttraining von hinten gezählt, von der letzten möglichen Wiederholung her. RPE 6 bis 7 heisst bei ihm: Du könntest noch drei bis vier saubere Wiederholungen schaffen. Denselben Bereich empfiehlt er in seinem Leitfaden Belastungsparameter im Krafttraining für den Einstieg ab 50.

Dieser Beitrag knüpft dort an und bleibt bei der Praxis: wie sich RPE 6 bis 7 mitten im Satz anfühlt, woran du merkst, dass du drüber liegst, und wie du dich eichst, wenn gerade niemand zuschaut. Bei huuman, unserer Coaching-App, die Krafttraining nach Anstrengungsempfinden dosiert, steht in den Krafteinheiten eine Vorgabe wie diese: RPE 6 bis 7 halten, nicht darüber. Mehr würde durchaus etwas bringen. Aber diesen Bereich triffst du in den Einheiten, die du allein absolvierst, zuverlässig genug, und ein Irrtum kostet dort nichts.

Was RPE 6 bis 7 im Satz bedeutet

Die Skala zählt rückwärts. Ihre Variante fürs Krafttraining, 2016 im Journal of Strength and Conditioning Research vorgestellt, definiert sie über die Wiederholungen in Reserve. RPE 10 heisst: keine Wiederholung mehr möglich. RPE 9: noch eine. RPE 7: noch drei. RPE 6: noch vier.

Das entscheidende Wort in Olivers Definition ist «sauber». Es zählt nur, was du mit derselben Technik wie in der ersten Wiederholung noch schaffen würdest. Was mit Schwung, Hohlkreuz und angehaltenem Atem noch ginge, zählt nicht. Sobald die Technik kippt, ist der Satz zu Ende, egal was die Muskeln noch hergeben.

Gegenüber einer festen Kilozahl hat die Skala noch einen Vorteil: Sie passt die Last von Satz zu Satz an das an, was du an diesem Tag kannst. Nach einer kurzen Nacht liegt RPE 7 bei weniger Gewicht als nach einer guten.

So fühlt sich RPE 6 bis 7 an:

  • Das Tempo bleibt von der ersten bis zur letzten Wiederholung gleich

  • Die letzten zwei Wiederholungen sind spürbar schwerer, aber nicht zäh

  • Du atmest ruhig, ohne zu pressen

  • Die Technik hält bis zum Schluss

  • Du könntest sofort drei oder vier weitere machen, wenn jemand darauf bestehen würde

Drei Zeichen, dass du drüber liegst

Das Gefühl kommt oft zu spät. Tempo, Technik und Atem verraten es früher.

Das Tempo fällt ab. Die Kniebeuge geht nach oben spürbar langsamer als drei Wiederholungen zuvor, obwohl du nicht nachlässt. Dass der Geschwindigkeitsverlust innerhalb eines Satzes Ermüdung objektiv abbildet, hat eine Arbeit aus dem Jahr 2011 in Medicine and Science in Sports and Exercise gezeigt. Die Arbeit zur Krafttrainings-Skala zeigte über verschiedene Lasten hinweg: Je langsamer die Bewegung, desto höher das RPE. Wer ohne Messgerät trainiert, kann sich am Tempo trotzdem orientieren.

Die Technik verändert sich. Beim Goblet Squat wandern die Knie nach innen, oder die Hüfte kommt zuerst hoch. Beim Push-Up fahren die Ellbogen nach aussen, das Becken hängt durch. In der Plank sinkt die Hüfte, der Kopf hebt sich. Jede dieser Ausweichbewegungen heisst: Die saubere Wiederholung ist vorbei, und damit die Reserve, auch wenn es noch nicht brennt.

Atem und Gesicht. Du hältst die Luft an, um die Wiederholung zu schaffen. Das Gesicht verzieht sich. Beides heisst erfahrungsgemäss: Die Reserve ist kleiner als drei saubere Wiederholungen, du liegst über der Vorgabe.

In die andere Richtung gilt: Unter RPE 6 liegst du, wenn sich die letzte Wiederholung anfühlt wie die erste. Oliver hat das in 2 × 2 × 6 auf den Punkt gebracht: «Vierzig Sekunden gemütliche Kniebeugen sind kein Trainingsreiz.»

Warum fast alle danebenliegen, und in welche Richtung

Trainingserfahrung macht die Einschätzung kaum besser. Eine Auswertung von 12 Studien mit 414 Teilnehmenden, 2022 in Sports Medicine erschienen, zeigt eine Tendenz: Die Teilnehmenden unterschätzten eher, wie viele Wiederholungen sie noch hatten, im Schnitt um knapp eine, bei grossen Unterschieden zwischen den Studien. Ob jemand seit Jahren trainiert oder gerade angefangen hat, änderte an der Treffsicherheit wenig. Etwas genauer wurde die Schätzung, wenn sie näher am Ende des Satzes abgegeben wurde, bei schwereren Lasten und in späteren Sätzen.

Eine Studie aus dem Jahr 2017 mit 141 Teilnehmenden zeigte dasselbe Muster und dazu eine Tendenz: Mit mehr Trainingserfahrung wurde die Schätzung etwas besser. Wie gross der Fehler ist, hängt stark vom Abstand zum Satzende ab. In einer Studie mit 81 Erwachsenen lag der Fehler bei etwa einer Wiederholung, solange noch höchstens fünf Wiederholungen übrig waren. Bei sieben bis zehn Wiederholungen in Reserve lag er bei mehr als zwei.

Wer glaubt, bei RPE 7 zu sein, liegt also eher bei 6. Die typische Abweichung heisst nicht «zu schwer», sondern «zu leicht». Und die Schätzung ist nah am Ende des Satzes am genauesten; mit drei bis vier Wiederholungen in Reserve liegt RPE 6 bis 7 an der Grenze dieses Bereichs, bei der Beinpresse war die Schätzung nur bis drei Wiederholungen in Reserve so genau. Deshalb der Korridor: Ein Schätzfehler von einer Wiederholung in die andere Richtung bringt dich von RPE 7 auf RPE 8, immer noch mit zwei sauberen Wiederholungen in Reserve. Bei einer Vorgabe von RPE 9 wäre derselbe Fehler bereits das Muskelversagen.

Die zwei typischen Fehler

Zu leicht aus Vorsicht. Das ist der typische Fehler, und die Zahlen oben zeigen, warum. Kein Satz wird gegen Ende schwerer, nach dem Training merkst du nichts, und nach acht Wochen hat sich nichts getan. Die Vorsicht ist verständlich, gerade ab 50 und gerade ohne Trainer. «Bequem» ist trotzdem etwas anderes: RPE 6 lässt vier saubere Wiederholungen in Reserve, und die letzte muss sich von der ersten unterscheiden.

Zu schwer aus Ehrgeiz. Der Satz endet erst, wenn nichts mehr geht, und bei den letzten zwei Wiederholungen ist die Technik weg. Der Muskelkater kostet dann die nächste Einheit. Dass es das nicht braucht, hat Oliver in 2 × 2 × 6 festgehalten: «Nicht bis zum völligen Versagen.» Ab 50 sei das weder für Kraft noch für Muskelaufbau nötig. Die Studien zeigen ein ähnliches Bild. Eine Metaanalyse von 15 Studien, 2022 im Journal of Sport and Health Science erschienen, kommt zum Schluss, dass Training bis zum Muskelversagen für Kraft und Muskelwachstum wohl weder nötig noch schädlich ist. Untersucht wurden allerdings nur junge Erwachsene. Eine zweite Auswertung, 2023 in Sports Medicine erschienen, ergab keinen Beleg dafür, dass Training bis zum Muskelversagen für den Muskelaufbau überlegen wäre. Dazu das Positionspapier des American College of Sports Medicine von 2026. Es wertet 137 systematische Übersichtsarbeiten mit insgesamt über 30'000 Teilnehmenden aus und führt Training bis zur momentanen Muskelermüdung unter den Faktoren auf, die die Ergebnisse nicht konsistent beeinflussen.

Ein Vorbehalt bleibt, und Oliver hat ihn für das Volumen selbst angebracht: «Für maximalen Muskelaufbau reicht die Minimaldosis nicht.» Dasselbe gilt für die Nähe zum Muskelversagen. Meta-Regressionen, 2024 in Sports Medicine erschienen, deuten darauf hin: Für Kraft spielte es über einen weiten Bereich von Wiederholungen in Reserve keine Rolle, wie nah am Versagen ein Satz endete. Für Muskelwachstum half es, näher heranzugehen. Wie eng dieser Zusammenhang ist, lassen die Autoren offen. Geht es dir vor allem um Muskelmasse, gehst du in einzelnen Sätzen mit sauberer Technik auf RPE 8. Wer stärker werden und im Alltag belastbar bleiben will, bleibt im Korridor.

So eichst du dich selbst

Selbsteinschätzung lässt sich ohne Gerät messen, in den Studien geht es nicht anders: schätzen, weitermachen, zählen. Zu Hause geht das mit einem Kalibrierungssatz alle drei bis vier Wochen, an einer risikoarmen Übung: ein Push-Up an der Wand oder auf den Knien, eine Glute Bridge oder ein Goblet Squat mit leichtem Gewicht. Nicht die Übung wählen, bei der die Technik am ehesten kippt.

Der Kalibrierungssatz in vier Schritten:

  • Mach den Satz wie immer und stopp bei dem Gefühl, das du für RPE 7 hältst. Notiere dir die Zahl.

  • Arbeite ohne Pause weiter, bis zur letzten Wiederholung, die noch sauber gelingt. Zähle dabei mit.

  • Die Zahl der zusätzlichen Wiederholungen ist deine tatsächliche Reserve. Drei heisst: Du hast RPE 7 getroffen. Fünf oder sechs heisst: Du hörst zu früh auf.

  • Wiederhole das nach drei bis vier Wochen. Die Zahl darf sich dabei ändern.

Der Kalibrierungssatz ist ein Messsatz, kein Trainingssatz. Er ist der einzige Satz, der bis zur letzten sauberen Wiederholung geht, darum an einer Übung ohne Last- und Sturzrisiko und nur alle drei bis vier Wochen. Für das Training selbst gilt weiter: nicht bis zum völligen Versagen.

Zwei Befunde aus den Studien helfen dabei. Der Schätzfehler ist im ersten Satz einer Übung grösser als in den späteren: In einer Studie mit 48 Menschen, die in ihrer Freizeit Krafttraining machen, lag er im ersten Satz an der Beinpresse bei gut drei Wiederholungen, im dritten Satz bei gut anderthalb. Nimm den ersten Satz als Tastsatz und verlass dich erst ab dem zweiten oder dritten Satz auf dein Gefühl. Sätze bis etwa zwölf Wiederholungen lassen sich zudem etwas besser einschätzen als lange. Wer bei RPE 6 bis 7 schon bei zwanzig Wiederholungen ist, hat kein Schätzproblem. Die Übung ist zu leicht.

Woche für Woche stärker, ohne die Zahl zu verlassen

Die Zahl bleibt, die Übung wandert. Sobald du bei einer Übung zwölf saubere Wiederholungen schaffst und immer noch bei RPE 6 bist, wechselst du auf die schwerere Variante. Die Regel dahinter steht auch bei Oliver in 2 × 2 × 6: Wird eine Übung zu leicht, ist die Antwort die schwierigere Variante, nicht mehr Wiederholungen. Die Bodyweight Library liefert die Stufen dazu: vom Push-Up an der Wand über die Variante auf den Knien bis zum Push-Up am Boden, von der Glute Bridge zur einbeinigen Variante, vom Reverse Lunge ohne Gewicht zum Reverse Lunge mit Kettlebell. Die Vorgabe RPE 6 bis 7 gilt für jede Stufe.

Dass Ältere die Last nach Gefühl statt nach Prozent vom Maximalgewicht steigern können, ohne an Kraft oder Funktion zu verlieren, ist belegt. In einer Studie mit 82 Menschen im Alter um die 72 Jahre verglich ein Team elf Wochen lang vier Methoden, die Last zu steigern: nach Prozent vom Maximum, nach Anstrengungsempfinden, nach erreichter Wiederholungszahl und nach Wiederholungen in Reserve. Zwischen den vier Methoden gab es bei Kraft und Alltagsfunktion keinen Unterschied. Die Gruppe, die nach Anstrengungsempfinden steigerte, empfand das Training als erträglicher und angenehmer als die drei anderen Gruppen, auch als die Gruppe mit fester Reserve; der Unterschied war statistisch gesichert. Bei jungen trainierten Männern brachte ein Vergleich von RPE- und Prozentsteuerung über acht Wochen, 2018 in Frontiers in Physiology veröffentlicht, gleichwertige Zuwächse, möglicherweise mit einem kleinen Kraftvorteil für die RPE-Gruppe.

Wie viel es braucht, beantwortet Oliver mit seiner Formel. Die Zahlen dahinter: Eine Netzwerk-Metaanalyse von 151 Studien mit 6'306 Menschen ab 60, 2025 in Sports Medicine erschienen, zeigt: Schon ein niedriges Trainingsvolumen verbessert bei gesunden Älteren die Alltagsfunktion deutlich und nützt auch Magermasse und Muskelgrösse; für grössere Kraftzuwächse scheint es mehr zu brauchen. Ein niedriges Volumen ist kein Sparprogramm. Es liegt in dem Bereich, in dem die Studien Effekte messen. Olivers zwei Sätze pro Bewegungsmuster, «aber mit Effort», folgen derselben Logik.

Bleibt die Tagesform. An manchen Tagen kommt RPE 7 schon bei der achten Wiederholung statt bei der zwölften. Oft steckt eine kurze Nacht dahinter, Stress oder eine Einheit, von der du dich noch nicht erholt hast. Die Skala rechnet das mit ein, das ist der Vorteil, den Oliver in seinem Beitrag zur Trainingssteuerung beschreibt: Schlaf, Stress und Tagesform fliessen automatisch mit ein. Häufen sich solche Tage, hilft eine leichtere Woche mehr als zusätzlicher Ehrgeiz. Wann eine solche Entlastungswoche fällig ist und wie lange sie dauern sollte, steht im Blog von huuman zu Krafttraining, Deload und Regeneration.

Fazit

Der Korridor RPE 6 bis 7 ist so gewählt, dass ein Schätzfehler von einer Wiederholung nach oben nichts kostet. Da die Reserve im Schnitt eher unterschätzt wird, ist im Zweifel eine Wiederholung mehr die bessere Wahl, solange Tempo und Technik halten. Der Kalibrierungssatz alle paar Wochen zeigt dir, ob dein Gefühl für die Reserve noch stimmt und ob die Übung inzwischen zu leicht geworden ist.

Selbsteinschätzung ist lernbar. Am schnellsten wird sie präzise, wenn jemand zuschaut und gegenprüft, der die Ausweichbewegungen erkennt, bevor du sie spürst. Oliver schreibt es in 2 × 2 × 6 so: «Wer unsicher ist, ob die Ausführung stimmt, lässt sie einmal anschauen.»

Ein Erstgespräch bei Oliver ist dafür ein guter Anfang.


Quellen

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Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung

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